Neun Tage im Hostel in Marseille – in der Nähe des alten Hafens. Neun Tage. Keinen Tag länger.
Ankunft Freitag morgens, nach 22 Stunden im Bus, den Rucksack im Gepäckraum abgestellt, der Küste entlang durch Marseille gestreift, an einem Strand hängengeblieben, dem Rauschen der Wellen auf den Sand gelauscht, angekommen.
Nachmittags eingecheckt, Schlafsaal auf zwei Etagen, mein Bett ein oberes Stockbett mit dem Kopf zu den metallenen Schließfächern – ein großer Block mit acht Stück oder mehr. Ich frage nach einem Betttausch, denn andere Betten sind frei. Morgen früh. Das Bettzeug sei alt und niemand da es zu wechseln. Ich biete an, es selbst zu wechseln. Das gehe nicht. In der Küchenzeile versuche ich einen Platz im Kühlschrank zu finden – schwierig. Einen Tisch zum Essen, der nicht klebt – unmöglich. Dafür wird mir erst Celtic Rock geschenkt, dann französischer Rap – in Marseille stilecht. Leider scheppernd aus irgendwelchen Laptop-Lautsprechern eines Langzeithostelbewohners. Ich flüchte in den Schlafsaal.
Nachts Menschen neben meinem Kopfkissen, suchend leuchtende Taschenlampen, an den Schlössern herumfummelnde Mitbewohner, die ihren Rucksack ins Schließfach wuchten oder herauszerren, sehr erholsam, diese Nacht.
Am Tag darauf eine wundervolle Wanderung durch raue Natur in den Calanques, dem neben Marseille gelegenen Nationalpark. Weiße Kalkfelsen fallen steil ins dunkelblaue Meer, ich folge dem Küstenverlauf, raste in einer der Felsbuchten, erklimme dann steile Pfade, quere eine Felskette, zurück zur Bushaltestelle in Richtung Stadt. Dort erst ausfallende, dann überfüllte Busse. Irgendwann zurück kaufe ich im Supermarkt Abendessen und Panaché – Radler. Schleppe mich und meine Einkäufe ins Hostel, freue mich auf die Dusche und mein anderes Bett.
Der Tausch war mir morgens zugesichert worden, mein Gepäck hab‘ ich schonmal neben das Bett gestellt. Doch am Pfosten hängt ein Mantel, im Bett liegt eine schlafende Gestalt. Ich schleppe mich zurück zur Rezeption. Dann mit dem Rezeptionisten wieder zum Bett. Er weckt die Gestalt. Ups, sie habe das Bett verwechselt. Mein altes Bett ist ebenfalls vergeben. Zurück zur Rezeption. Da muss ein neues Zimmer her. Upgrade – Vier-Personen-Zimmer ohne Stockbetten. Dafür in einem anderen Gebäude unter dem Dach. Fluchend stopfe ich meine Siebensachen in den Rucksack und schleife mich und den Rucksack und die Einkäufe, noch immer in den Wanderstiefeln, die Treppen hinauf.
Ich habe die fensterlose Kammer für mich allein, prima. Bis um halb elf – ich gerade im Begriff meinen Schlaf nachzuholen – ein junger Mann die knarzenden Holztreppen im Zimmer hinaufschlappt sich aufs Bett fallenlässt, rotzt und schnarcht. Nachts um halb zwei dasselbe nochmal – mit lauterem Schnarchen, dafür ohne Rotzen. Morgens will ich mir mein Frühstück zubereiten, scheitere an den Damen des Hauses, die einen riesen Berg Abwasch im einzigen Spülbecken stehen haben, sich lautstark unterhalten und mich auffordern zu warten. Ich schwanke zwischen Faszination und Wahnsinn, explodiere und flüchte auf die Inseln Frioul.
Auf dem Archipel wandere ich über weiße Felsen, beobachte Möwen, kühle meine Füße im Meer. Wappen mich für die Nacht. Mein Zimmer ist leer, ich bin allein, feiere den Abend, schlafe tief und fest. Am nächsten Morgen sitzt eine der Hausdamen mit zwei Handys in der Hand am Küchentisch und brüllt ein eines davon hinein. Zwanzig Minuten bin ich live dem Streit zugeschaltet, dann habe ich mein Frühstück beendet und gehe wandern. In die Ruhe der Felsen und Buchten, der Möwen und Alpenkrähen. Alles was zählt ist der nächste Schritt und der nächste Höhenmeter. Die Sonne scheint, der Ausblick aufs Meer ist unendlich, ich lache und staune.
Seit gestern sind nun die Elektriker am Werk. Erst zogen sich Kabel durch den Aufenthaltsraum, jetzt ist die Dusche kalt. Also mal wieder an die Rezeption. Der freundliche Herr kennt zwar nicht den Grund nicht, aber die Lösung. Ich bekomme eine andere Zimmerkarte, gehe Fremdduschen. Dann checke ich aus. Neun Tage in diesem Hostel. Keinen Tag länger.



